3 Fragen, 3 Antworten mit Anja Nunyola Glover
26.05.2026

Anja Nunyola Glover

© Foto: Mirjam Kluka

«Es geht nicht um Perfektion. Es geht um Bewegung.»

Rassismus an Schulen zeigt sich nicht nur in einzelnen Vorfällen oder Konflikten auf dem Pausenplatz. Er ist eine Frage von Strukturen, Vorurteilen und Verantwortung. Die Soziologin, Autorin und Rassismus-Expertin Anja Nunyola Glover erklärt, warum Schulen sich in diesem Thema kritisch hinterfragen sollen, weshalb vermeintliche Neutralität problematisch sein kann und was der erste Schritt in der Rassismusprävention sein muss.

Rassismus wird im Schulkontext noch oft als Einzelfall behandelt: ein Vorfall, ein Missverständnis, ein Konflikt unter Kindern. Was verändert sich in der Praxis, wenn Schulen Rassismus nicht nur als Einzelfall oder Konfliktthema behandeln, sondern als Frage von Schulentwicklung, Haltung und Verantwortung aller Beteiligten?

Wenn Rassismus nicht mehr als «Vorfall» verstanden wird, sondern als Teil gesellschaftlicher Realität, verschiebt sich die Verantwortung. Dann geht es nicht mehr darum, einzelne Situationen zu lösen, sondern darum, Strukturen zu hinterfragen. In der Praxis bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr nur, wer hat was gesagt oder getan, sondern auch: Warum konnte das überhaupt passieren – und was trägt die Schule dazu bei?

Das verändert sehr viel. Plötzlich werden Lehrmittel, Unterrichtsinhalte, Bewertungssysteme und auch disziplinarische Praktiken Teil der Diskussion. Es geht um Perspektiven: Wer kommt vor? Wer nicht? Wessen Erfahrungen gelten als «normal»? Und es verändert die Haltung. Lehrpersonen müssen nicht mehr perfekt sein, aber sie übernehmen Verantwortung für ihren Einfluss. Schulen beginnen, sich selbst als Institution mitzudenken. Das ist anspruchsvoller als Einzelfallbearbeitung. Aber es ist auch der einzige Weg, der langfristig etwas verändert.

Wo sehen Sie an Schulen die grössten strukturellen Herausforderungen? Also zum Beispiel eher im Unterricht und den Lehrmitteln, in der Haltung der Lehrpersonen, im Umgang der Institution «Schule» mit dem Thema oder an ganz anderer Stelle?

Es ist nicht entweder oder. Die Schwierigkeit, die eben oft übersehen wird, liegt genau darin, dass alles miteinander zusammenhängt. Ein zentraler Punkt dabei ist die Vorstellung von Neutralität. Schule versteht sich oft als neutraler Ort – und übersieht dabei, dass sie gesellschaftliche Ungleichheiten reproduziert. Diese «Neutralität» verhindert, dass Rassismus überhaupt erkannt wird. Ein weiterer Punkt sind Lehrmittel und Inhalte. Wissen ist nie neutral. Wer schreibt Bücher? Welche Geschichten werden erzählt? Welche Perspektiven fehlen? Das prägt, wie Kinder die Welt verstehen – und sich selbst darin verorten. Gleichzeitig sehe ich grosse Unsicherheiten bei Lehrpersonen. Viele wollen es «richtig machen», haben aber wenig Raum, sich mit der eigenen Position auseinanderzusetzen. Dann bleibt es oft bei gut gemeinten Einzelmassnahmen. Und schliesslich: die Institution selbst. Wie wird mit Beschwerden umgegangen? Wer wird ernst genommen? Welche Stimmen gelten als glaubwürdig? Das sind strukturelle Fragen – und genau dort wird es oft still.

Sie haben darüber gesprochen, dass es einen Unterschied gibt zwischen «es gut meinen» und tatsächlich antirassistisch zu handeln. Was wäre aus Ihrer Sicht ein realistischer erster Schritt für Schulen oder Lehrpersonen, ohne in Abwehr, Überforderung oder Symbolpolitik zu geraten?  

Der erste Schritt ist nicht ein Konzept, kein Projekt und auch kein Aktionstag. Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass Rassismus Teil der eigenen Realität ist – auch dann, wenn man ihn nicht sieht. Das klingt simpel, ist aber der schwierigste Teil. Weil es bedeutet, sich selbst und die eigene Institution nicht nur als «gut gemeint» zu betrachten.

Ein konkreter Einstieg kann sein: Räume schaffen, in denen Erfahrungen ernst genommen werden – ohne sie sofort zu relativieren oder erklären zu wollen. Zuhören, ohne direkt zu reagieren. Und parallel dazu: sich mit der eigenen Position beschäftigen. Welche Perspektiven bringe ich mit? Was habe ich gelernt – und was nicht? Diese Arbeit ist unbequem, aber notwendig. Wichtig ist: Es geht nicht um Perfektion. Es geht um Bewegung. Oder anders gesagt: Veränderung passiert nicht, indem wir versuchen, alles so zu lassen, wie es ist – sondern indem wir bereit sind, uns weiterzuentwickeln.

Links

Themenseite «Gemeinsam gegen Rassismus in der Schule»
 

Zur Person

Anja Nunyola Glover ist schweiz-ghanaische Soziologin, Autorin, Moderatorin und Rassismus-Expertin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Praxis zu Rassismus, Intersektionalität und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Als Projektleiterin an der Universität Bern sowie mit ihrer Agentur Nunyola begleitet sie Schulen, Organisationen und Unternehmen in Veränderungsprozessen hin zu antirassistischen und diskriminierungskritischen Strukturen. 2024 erschien ihr Buch «Was ich dir nicht sage».