«Suberi Sach»
Das Thema Abfall konkret und nachhaltig erleben: Radio, Praxis und Vernetzung der Schulen
Kurzbeschrieb
Im Rahmen des Projekts «Suberi Sach» haben sich Schülerinnen und Schüler der Schule Winklen in Frutigen über drei Jahre immer wieder mit dem Thema Abfall auseinandergesetzt. Das Ziel der Schule: BNE-Themen als ganze Schule bearbeiten und ein gemeinsames Abfallkonzept entwickeln. Der Auftakt des Projekts war eine Radiowoche mit dem «Power_up» Radiobus des Kinderdorf Pestalozzi. Die Schülerinnen und Schüler des ganzen Schulhauses produzierten eigene Radiosendungen mit Reportagen, Interviews und Spielen rund um das Thema Abfall. Auch externe Akteure wie die Mitarbeitenden einer Kläranlage, Ladenbesitzerinnen oder Passantinnen und Passanten wurden miteinbezogen. Lokale Betriebe unterstützten das Projekt finanziell – im Gegenzug erhielten sie Sendezeit für eigene Werbespots. Die Schülerinnen und Schüler organisierten zudem ein Radiocafé, bei dem Interessierte ihnen beim Radio machen über die Schulter schauen konnten. So wurde aus der Radiowoche ein partizipatives Projekt für die ganze Schul- und Dorfgemeinschaft.
In den darauffolgenden drei Jahren ging die Auseinandersetzung mit dem Thema Abfall in der Schule Winklen auf vielfältige Weise weiter. Die Schülerinnen und Schüler besuchten die Kehrichtverbrennungsanlage in Thun sowie den Entsorgungshof in Frutigen. Während einer Projektwoche zum Thema Littering sammelten sie Abfall entlang der Hauptstrasse und bauten gemeinsam mit einem örtlichen Schreiner Abfallbehälter für die Mülltrennung im Schulhaus. Ergänzt wurden diese praktischen Erfahrungen durch Unterrichtseinheiten zu Recycling, Plastik und Food Waste. Auf diese Weise setzten sich die Schülerinnen und Schüler sowohl theoretisch als auch praktisch intensiv mit dem Thema Abfall auseinander.
Was als schulinterne Initiative begann, entwickelte und verbreitete sich rasch weiter: Bereits ein Jahr nach Projektbeginn stiessen sechs weitere Schulen hinzu. Diese setzten ihrerseits Projekte und Unterrichtseinheiten zum Thema Abfall um. Für den Austausch zwischen den Schulen und die gegenseitige Unterstützung und Vernetzung wurde eine Steuergruppe mit je einer Lehrperson pro Schulhaus eingerichtet.
Bildungsziele
Die Schülerinnen und Schüler…
- setzen sich mit ihrem eigenen Konsumverhalten auseinander und erkennen, welche Abfälle sie dadurch verursachen.
- arbeiten kooperativ an der Gestaltung einer Radiosendung mit und stärken dabei ihre Kreativität sowie ihre mündliche Kommunikationskompetenz.
- wissen, wie Abfall fachgerecht getrennt wird und verstehen, was anschliessend mit den verschiedenen Abfallarten geschieht.
- sind in der Lage, externe Personen und Institutionen in ein Projekt einzubinden und kooperativ mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Besondere Stärken
- In der Radiowoche wurde eine Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Akteuren ermöglicht, wodurch authentische, alltagsbezogene Lerngelegenheiten, ein hoher Praxisbezug sowie eine Verankerung im Dorf entstanden.
- Das Themenfeld Abfall eignet sich aufgrund seiner hohen Lebensweltorientierung und Alltagsrelevanz für alle Zyklen und ermöglicht einen kompetenzorientierten Zugang.
- Durch die langfristige Projektstruktur setzten sich die Schülerinnen und Schüler wiederholt und vertieft mit dem Thema auseinander und verknüpften unterschiedliche Inhalte miteinander.
- Das Projekt förderte die Vernetzung der Schulen in Frutigen und stärkte die schulische Kooperation.
Planung und Durchführung
- Etappe 1: Inputveranstaltung éducation21
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An der Schule Winklen fehlte vorgängig ein Gesamtkonzept zur Umsetzung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Da die Klassen BNE-Themen nur punktuell behandelten, entstand der Wunsch nach einer koordinierten Vorgehensweise. Aus diesem Grund wurde eine Inputveranstaltung zur Schulentwicklung von éducation21 durchgeführt. Daraus entstand die Idee, ein nachhaltiges Abfall- und Recyclingprojekt für die ganze Schule auf die Beine zu stellen.
- Etappe 2: Finanzierung
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Für die Finanzierung des Projekts stellte der Projektleiter, eine Lehrperson des Zyklus 2 der Schule Winklen, bei éducation21 ein Gesuch für Finanzhilfen BNE. Zusätzlich wurden lokale Betriebe angefragt, ob sie die geplante Radiowoche finanziell unterstützen möchten. Im Gegenzug erhielten sie Werbezeit im Rahmen der Radiowoche.
- Etappe 3: Radiowoche Power-up
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Gestartet hat die Schule Winklen das Projekt mit einer Radiowoche. Bereits in der Planungsphase nahm der Projektleiter Kontakt mit dem Team power_up Radio des Kinderdorf Pestalozzi auf, um das Thema der Radiowoche festzulegen. Gemeinsam mit zwei Radiomachern gestalteten dann die Schülerinnen und Schüler eine Woche lang ihr eigenes Radioprogramm – mit Interviews, Reportagen, Musik und verschiedenen Quiz, alles rund ums Thema Abfall. Die Unterthemen lagen dabei in der Verantwortung der Kinder. Dabei verfolgten sie das Ziel, möglichst viele Personen aus der Gemeinde einzubeziehen. So organisierten die Schülerinnen und Schüler auch ein Radiocafé, bei dem die Eltern und Leute vom Dorf ihnen beim Radiomachen zuschauen konnten.
- Etappe 4: Verschiedene Abfallprojekte
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Im Anschluss an die Radiowoche unternahmen die Schülerinnen und Schüler des Schulhauses Winklen Exkursionen zum Entsorgungshof sowie zur Kehrichtverbrennungsanlage. Bereits im Vorfeld führte der Projektleiter Gespräche mit den zuständigen Verantwortlichen, um die Ziele und den Ablauf der Besuche abzustimmen. Im Rahmen einer Projektwoche zum Thema Littering sammelten die Schülerinnen und Schüler Abfall entlang der Hauptstrasse und stellten gemeinsam mit einem lokalen Schreiner eigene Abfallbehälter für die Mülltrennung im Schulhaus her. In diesen Prozess war auch die Hauswartin der Schule Winklen involviert. Die thematischen Unterrichtseinheiten wurden fächerübergreifend (NMG, TTG, MA) und teilweise klassenübergreifend umgesetzt und inhaltlich aufeinander abgestimmt. Diese Phase dauerte rund drei Jahre.
- Etappe 5: Einbezug der anderen Schulen
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Nach einem Jahr öffnete die Schule Winklen das Projekt für weitere Schulen. In der Folge beteiligten sich sechs Schulen aus Frutigen daran. Zur Koordination dieser schulübergreifenden Zusammenarbeit wurde eine Steuergruppe eingerichtet, die aus jeweils einer Lehrperson pro beteiligtem Schulhaus bestand. Diese Steuergruppe traf sich in regelmässigen Abständen, insgesamt dreimal pro Jahr, und übernahm eine koordinierende sowie inhaltlich-strategische Funktion im Projektverlauf. Im Rahmen der Sitzungen wurden Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis ausgetauscht, Best-Practice-Beispiele vorgestellt und gemeinsam neue Ideen entwickelt. Die gewonnenen Impulse dienten als Grundlage für die weitere Umsetzung in den einzelnen Schulhäusern. Anschliessend arbeiteten die Schulen eigenständig am übergeordneten Thema Abfall weiter, wobei sie die gemeinsamen Zielsetzungen aufnahmen und in ihre jeweiligen schulischen Kontexte integrierten.
Organisation
Externe Beteiligte:
- éducation21: Inputreferat und Geldgeber
- Kinderdorf Pestalozzi: Projektwoche Power_up Radio
- Gewerbe Frutigen: Finanzierung Radiowoche
- Eltern und Dorfgemeinschaft: Besucher Radiocafé
- Hauswartin der Schule Winklen: Einbindung in das Abfallkonzept
- Liegenschaftsverwaltung der Gemeinde Frutigen: Einbindung in das Abfallkonzept
- Fachperson Entsorgungshof Frutigen: Exkursion
- Fachperson Kehrichtverbrennung (KVA Thun): Exkursion
- Lokaler Schreiner: Herstellung Abfallbehälter
Pädagogische Methoden
- Vernetzt Denken
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Die langfristige Auseinandersetzung mit dem Thema Abfall und im Rahmen verschiedener Projekte (Recycling, Plastik, Food Waste, Upcycling etc.) unterstützt vernetztes Denken. Kinder entdecken Zusammenhänge zwischen Konsumverhalten, Umweltverschmutzung, globalen Kreisläufen und ihrem eigenen Alltag.
- Partizipation
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In der Radiowoche wurde sehr partizipativ gearbeitet. Von der Themenfindung bis zur Umsetzung der Radiobeiträge waren die Schülerinnen und Schüler beteiligt. Sie organisierten auch ein Radiokaffee. Wer wollte, konnte ihnen live beim Radiomachen zusehen und dazu etwas trinken.
- Entdeckendes Lernen
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Beim Produzieren von Radiosendungen entschieden die Schülerinnen und Schüler selbst, welche Themen sie im Zusammenhang mit Abfall vertiefen wollten (z. B. Was passiert mit dem Abfall? Wie können wir weniger Food Waste verursachen?). Die Lernenden formulierten eigene Fragen, recherchierten, führten Interviews und bereiten Inhalte so auf, dass sie für andere verständlich waren.
Beurteilung
Am Ende des Projekts wird ein Schlussbericht geschrieben.
Herausforderungen für den/die Befragte/n
- Motivation
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Nicht alle Schulen waren gleich motoviert. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass man von Anfang an interessierte und engagierte Lehrpersonen für die Steuergruppe findet.
- Langfristigkeit
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Beim Projekt «Suberi Sach» ist die Langfristigkeit grundsätzlich ein grosser Mehrwert. Sie ermöglicht eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Thema. Gleichzeitig bringt sie aber auch Herausforderungen mit sich. Ein Projekt, das sich über mehrere Schuljahre erstreckt, muss immer wieder neu belebt werden. Die Gefahr besteht, dass das Thema Abfall irgendwann «ausgelutscht» wirkt oder Schülerinnen und Schüler (wie auch Lehrpersonen) das Interesse verlieren. Es braucht deshalb regelmässig neue Zugänge, kreative Formate und echte Beteiligungsmöglichkeiten.
Einfach umzusetzen ?
Dieses Praxisbeispiel zeigt, wie Bildung für Nachhaltige Entwicklung konkret, alltagsnah und lebendig umgesetzt werden kann. Die Grundidee – Kinder setzen sich aktiv, handlungsorientiert und über längere Zeit mit dem Thema Abfall auseinander - ist für alle Zyklen umsetzbar.
Für die Umsetzung müssen jedoch gewisse Anforderungen erfüllt werden:
- Engagierte Lehrpersonen und ein konstantes Team, das offen ist für projektartiges und fächerübergreifendes Arbeiten.
- Zeit und Ressourcen für die Planung, Durchführung und Koordination
- Eine gute Verankerung im Schulteam oder in der Schulleitung, um das Projekt langfristig zu tragen und weiterzuentwickeln.
- In Verbindung mit einem Whole School Approach kann es wichtige Impulse für eine nachhaltige Schulentwicklung setzen.
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