Fragen, die bleiben
18.03.2026

Martin Seewer

 
Seit 1999 hat Martin Seewer den Spagat geübt: zwischen Theorie und Praxis, zwischen einer Definition von BNE, die für den Bundesrat wie auch für die Kindergartenklasse Sinn ergibt, zwischen globalem Wertekanon und dem, was Lehrpersonen im Alltag wirklich unter den Nägeln brennt. Viele Jahre Engagement für BNE, für éducation21 und ihre Vorgängerstiftung haben Martin gelassener gemacht, wie er selbst sagt. Nun geht Martin in Pension. Doch bevor er geht, blickt er zurück – und nach vorn – auf die Fragen, die bleiben.  

Eine davon beginnt ganz am Anfang: Würden wir BNE heute noch genauso definieren, wenn wir ganz neu starten würden? Ähnlich, aber sicher nicht identisch, sagt Martin dazu. Für ihn war BNE sowieso nie ein fertiges Gebäude, sondern eher eine Baustelle. Etwas, das sich ständig weiterentwickelt. Gleichzeitig muss BNE immer auf mehreren Ebenen funktionieren: für politische Entscheidungsträger ebenso wie für Kindergartenkinder. Die grundlegenden Ideen müssen so übersetzt werden, dass sie verstanden und im Alltag gelebt werden können, ohne dabei banal zu werden. Dieser Spagat, sagt Martin, verlange Beweglichkeit.

BNE wird gemacht, auch wenn es nicht BNE genannt wird

Gerade in den ersten beiden Zyklen der Schule passiere sehr viel von dem, was man unter BNE versteht – auch wenn es gar nicht so genannt wird. Lehrpersonen arbeiten fächerübergreifend, lassen unterschiedliche Perspektiven einfliessen und vernetzen Themen miteinander. Vieles davon entspreche genau dem, was BNE will. Manchmal brauche es lediglich die Verbindung zum Begriff. Vielleicht sei das sogar ein Zeichen von Wirksamkeit: wenn etwas weiterlebt, auch ohne eine konkrete Bezeichnung.

éducation21 gibt BNE ein Gesicht – und idealerweise auch Hände und Füsse 

In diesem Zusammenhang sieht Martin auch die Rolle von éducation21. Die Stiftung gebe BNE ein Gesicht. Wer sich mit dem Thema beschäftigen wolle oder müsse, komme an éducation21 kaum vorbei. Die Organisation mache sichtbar, was sonst diffus bleiben würde. Idealerweise gebe sie BNE aber nicht nur ein Gesicht, sondern auch Hände und Füsse. Das bedeutet: übersetzen, Brücken schlagen, vermitteln. Eine Aufgabe, die alles andere als simpel ist. Sie erfordere Pragmatismus, Mut zur Lücke und die Bereitschaft zu akzeptieren, dass BNE in der Praxis nicht immer alle Kriterien erfüllt, die auf konzeptioneller Ebene formuliert werden. Ein Punkt, der aus seiner Sicht zu wenig hinterfragt wird, betrifft eine weit verbreitete Annahme: dass BNE «nichts Zusätzliches» sei. Ganz stimme das nicht, sagt Martin. BNE sei durchaus ein Auftrag von oben, ein bildungspolitischer Impuls. Interessanterweise treffe dieser Auftrag aber häufig auf Bedürfnisse aus der Praxis: Unterricht abwechslungsreicher und interdisziplinärer zu gestalten, komplexe Themen zu strukturieren oder schwierige Fragen sicher im Klassenzimmer zu besprechen. 

Wann ist BNE ein Erfolg?

Martin sieht den Erfolg an einem unspektakulären, schwierig messbaren, aber entscheidenden Ort: darin, dass junge Menschen lernen, verschiedene Perspektiven einzunehmen, argumentieren können, sich verlässlich informieren und Ambivalenzen aushalten. Dass sich BNE in der Schweiz so rasch institutionell verankern konnte, betrachtet Martin als bemerkenswerten Erfolg. Eine PH-Rektorin habe einmal zu ihm gesagt, es sei aussergewöhnlich, wie schnell der Begriff «BNE» Eingang in Curricula und Lehrpläne gefunden habe. In den 1990er-Jahren tauchte der Begriff erstmals auf. Rund zwanzig Jahre später war er fest in den Bildungsstrukturen verankert. In einem föderalistischen Bildungssystem wie dem der Schweiz, das gemeinsame Standards nicht gerade erleichtert, sei das eine eigentliche Erfolgsgeschichte – eine, zu der éducation21 und ihre Vorgängerorganisationen wesentlich beigetragen hätten. Und an dieser Geschichte weiterzuarbeiten, bleibe wichtig, gerade weil andere Akteurinnen und Akteure im Bildungssystem mit zahlreichen weiteren Herausforderungen beschäftigt seien.

Rahmenbedingungen haben sich geändert

Gleichzeitig haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert. Begriffe wie «nachhaltige Entwicklung» werden heute vereinzelt kritisch diskutiert oder mit ideologischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Der gemeinsame globale Werte- und Regelkanon wird stärker infrage gestellt als noch zu Beginn des Jahrhunderts – etwa zur Zeit der Millenniumserklärung im Jahr 2000 oder der Agenda 2030, die 2015 von 193 Mitgliedstaaten der UNO unterzeichnet wurde. Was damals möglich war, scheint heute fast undenkbar. Auch die Verankerung solcher Themen in Lehrplänen hätte es unter den aktuellen politischen Vorzeichen vermutlich schwerer. Gerade deshalb bleiben die Fragen wichtig.

Probier’s mal mit Gelassenheit

Am Ende bleibt: Ein Begriff, der sich etabliert hat. Eine Institution, die Brücken schlägt. Und ein Spagat, der immer wieder neu geübt werden muss: zwischen Anspruch und Umsetzbarkeit, zwischen Engagement und Pragmatismus, zwischen Bund und Kantonen, Schulstufen und Sprachregionen. Wie bleibt man beweglich, ohne beliebig zu werden? Wie engagiert, ohne zu verkrampfen? Und wie wirksam, auch wenn die Realität nicht immer den eigenen Kriterien entspricht? Martin begegnet diesen Fragen mit Gelassenheit. Und mit der Bereitschaft auszuhalten, dass manche Fragen bleiben.

Vielen Dank für dein Engagement, Martin.

Zur Person

Martin Seewer startete beruflich als Primarlehrer und studierte später Geografie. Seine Masterarbeit schrieb er in Zentralamerika. Die Verbindung von Bildung und Entwicklungsfragen führte ihn 1999 zur Stiftung Bildung und Entwicklung, wo er während elf Jahren den Weg vom Globalen Lernen hin zur Bildung für nachhaltige Entwicklung mitprägte. Auch nach seinem Weggang 2010 blieb er éducation21 über Mandate und Stellvertretungen verbunden. Später kehrte er in Teilzeit in den Bereich Lernmedien zurück, mit Aufgaben in Selektion, Evaluation und Vertrieb. Besonders gefreut hat ihn der Austausch im kreativen und innovativen Team von éducation21und wie BNE in den Lernmedien Einzug gehalten hat.

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